Ein langer Arbeitstag, Terminstress, familiäre Belastungen - oft liegen die Nerven blank. Um Dauerstress und damit psychosomatische Erkrankungen zu vermeiden, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Entspannungstechniken wie Autogenes Training fördern die persönliche Gesunderhaltung. Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Nervosität sind nur einige der Beschwerden, die sich dauerhaft beseitigen lassen.
Viele Erkrankungen sind auf Dauerstress zurückzuführen. Mit der Belastbarkeitsgrenze sinkt auch die Immunabwehr. Die Folgen sind neben Erschöpfung und Konzentrationsproblemen unterschiedliche und mehrfach auftretende Infekte, die den Körper zusätzlich schwächen. Bekannte Stresserkrankung sind beispielsweise Kopf- und Rückenschmerzen, Magendarmbeschwerden, nächtliches Zähneknirschen und Schlafstörungen. Auch Bluthochdruck deutet darauf hin, dass der Körper ständig in Alarmbereitschaft ist. Denn bei Stress wird der Organismus in Aufregung versetzt. Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin aus der Nebenniere beschleunigen Herzschlag, Blutdruck und Atmung, außerdem die Durchblutung der Muskulatur. Im Gegensatz dazu wird die Magendarmtätigkeit herabgesetzt. Dauert dieser Zustand lange an, wehrt sich der Körper mit Überforderungsreaktionen, den so genannten Stresserkrankungen.
Problem erkennen und handeln
Jeder Mensch reagiert anders auf Stressfaktoren. Je nach Belastbarkeitsgrenze sind Lärm, körperliche Anstrengung oder Leistungsdruck ein Auslöser. Wichtig ist, vorbeugend zu handeln und die Reaktionen des eigenen Körpers frühzeitig zu erkennen. Das Gesundheitssystem ist bereits auf dieses Problem aufmerksam geworden. Es werden Kurse angeboten, in denen die Teilnehmer lernen, Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung, Pilates und Autogenes Training anzuwenden. Viele Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kursgebühren, da sie die Bedeutung von Krankheitsprävention erkannt haben und fördern. "Dauerstress führt nicht nur zu physischen Erkrankungen, auch das seelische Gleichgewicht wird gestört. Die Folgen sind Burn-out und Gedächtnislücken. Sogar Depressionen sind denkbar", weiß Stefanie Brause, Mentaltrainerin der Kliniken Essen-Mitte. Die 40-jährige ist Diplom-Pädagogin und leitet wöchentliche Kurse im Autogenen Training. Die Entspannungstechnik basiert auf Autosuggestion. Das heißt, es wird trainiert, das Unterbewusstsein gezielt zu beeinflussen. Autogenes Training ist eine anerkannte Form der konzentrierten Selbstentspannung. Brause erklärt: "Rituale sind für den Erfolg wichtig. Daher ist es sinnvoll, für das Autogene Training einen festen Zeitpunkt im Tagesablauf einzuplanen. Die Übungen sind generell nicht zeitaufwendig und für jeden leicht umzusetzen. Die Teilnehmer lernen dies ja bewusst in kleinen Schritten. Später sind Zeit und Ort völlig egal."
Selbsthypnose zur Stressbewältigung
Der Name Autogenes Training ist aus dem Griechischen abgeleitet und heißt "selbst erzeugend". Denn das Prinzip beruht darauf, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Durch gezielte Steuerung der Gedanken und Vorstellungen führt man bestimmte körperliche Reaktionen herbei. Das vegetative Nervensystem wird beeinflusst. Vegetative Reaktionen wie der Speichelfluss oder die Atmung sind beeinflussbare Körperreaktionen. Das heißt, nur bei der Vorstellung, eine saure Speise zu essen, tritt vermehrter Speichelfluss auf. Mithilfe gedanklicher Befehle, den so genannten Formeln, sollen Muskeln entspannt, der Atem reguliert und die Körpertemperatur gelenkt werden. "Unser Gehirn kann nur schwer zwischen dem, was tatsächlich ist und dem, was wir uns vorstellen unterscheiden. Es führt einfach aus. Die Formeln sind daher kurz und prägnant, wie "mein linker Arm ist schwer" beispielsweise, erklärt Stefanie Brause. "Die Teilnehmer sind nach dem Autogenen Training meist erfrischt, haben manchmal auch auf einmal Lösungen zu einem Problem parat, über das sie schon lange gegrübelt hatten. Sie wirken gelassen und ausgeglichen", so die Fachfrau weiter.
Die Trainingseinheiten werden mit geschlossenen Augen sitzend oder liegend durchgeführt. Im Sitzen nehmen die Teilnehmer die "Droschkenkutscherhaltung" ein und lassen dabei Oberkörper und Kopf locker nach vorne hängen. Meist wird allerdings die liegende Haltung bevorzugt, da so die Muskulatur kaum aktiv ist.
Sofern das Training nicht vor dem Einschlafen durchgeführt wird, endet es mit dem "Zurücknehmen" - tiefe Atemzüge, das Öffnen der Augen, Recken und Strecken der Glieder. Ein abruptes Aufstehen hingegen kann zu einer Kreislaufschwäche führen, schließlich befindet sich der Körper im Ruhezustand.
Positive Nebeneffekte
Sich entspannt, aber nicht müde fühlen - so wird häufig der Zustand nach dem Autogenen Training beschrieben. Die Ziele: gelinderte Beschwerden und langfristig eine bessere Körperwahrnehmung, die zu mehr Selbstbewusstsein führt. Menschen, die unter Stress leiden, haben oft wenig Zeit für Freunde und Hobbys. Ein Kurs bietet immer die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Wenn weiterhin Interesse an einem Kurs besteht, können Aufbaukurse besucht werden. Gruppentreffen sind besonders effektiv, da die Termine eine regelmäßige Durchführung gewährleisten.
Beim Autogenen Training ist gerade die Langzeitwirkung von Bedeutung. "Autogenes Training ist ein Einstieg in eine andere Denkweise über die Prozesse in unserem Körper. Es kann zu einer Veränderung der Lebenseinstellung führen", resümiert die Essener Mentaltrainerin. Schließlich lernt der Körper, nach schwierigen, angespannten Situationen schneller wieder zurück zur Normalform zu finden und besser mit Stress umzugehen.
