Frische Luft statt Dauerschlaf
Es regnet, es stürmt, es ist kalt - die Herbstmonate leiten die dunkle Jahreszeit ein. Die Tage werden kürzer und gelegentlich die Stimmung trüber. Winterdepressionen sind weit verbreitet. Wer die besinnliche Winterzeit genießen und gesund ins neue Jahr starten will, sollte rechtzeitig vorbeugen. Welche Möglichkeiten es gibt, weiß Chefarzt Dr. Martin Schäfer von den Kliniken Essen-Mitte.
Mehr als 800.000 Menschen in Deutschland leiden jährlich unter Winterdepressionen. Sie ziehen sich zurück, sind antriebslos und schlapp. Verstimmungen wie Traurigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit und Reizbarkeit machen den Betroffenen schwer zu schaffen. Es fällt ihnen nicht nur schwer aufzustehen, sie fühlen sich auch tagsüber von Bett und Sofa angezogen. Doch trotz erhöhter Schlafbereitschaft wird der Zustand der Erholung nie erreicht. Weitere Symptome sind Verspannungen und ein unbändiger Hunger auf Süßigkeiten, zucker- und fettreiche Speisen. Zu keiner anderen Jahreszeit werden so viele Schokoladenberge verschlungen wie im Winter. Das macht sich auch auf den Hüften bemerkbar.
Ersetzen Fett und Zucker Wärme und Geborgenheit?
Die Ursache der so genannten "saisonal-affektiven (saisonal abhängigen) Depression" ist bisher unbekannt. Vermutet wird, dass der verringerte Lichteinfluss den Hormonhaushalt im Körper verändert. Der Botenstoff Serotonin beispielsweise befindet sich in den Nervenzellen und verbessert die Übertragung von Impulsen wie die Schmerzwahrnehmung. Serotonin wird vermehrt bei Tageslicht ausgeschüttet. Es treibt den Organismus an, indem es die Magen-Darm-Tätigkeit anregt und den Blutdruck reguliert. Außerdem beeinflusst es den Sexualtrieb, den Schlafrhythmus und die Nahrungsaufnahme.
Serotonin wird häufig auch als Glückshormon bezeichnet, da es die Stimmung aufhellt und den Menschen beruhigt - das ist wissenschaftlich belegt. Bei der Verdauung von kohlenhydratreichen Speisen steigt der Blutzuckerspiegel und die Bauchspeicheldrüse schüttet das Hormon Insulin aus, um einen zu raschen Anstieg der Blutzuckerwerte zu verhindern. Insulin bewirkt eine erhöhte Bereitschaft des Gehirns, die Aminosäure Tryptophan aufzunehmen, die der Körper in Serotonin umwandelt. Schokolade enthält einen beträchtlichen Anteil Tryptophan. Beim Naschen wird dementsprechend eine größere Menge der Vorstufe des Serotonins aufgenommen und es kann mehr Serotonin gebildet werden.
Lähmende Dunkelheit
Eng verbunden mit der saisonal abhängigen Depression ist vermutlich ein verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus. Serotonin regelt im Einklang mit dem Hormon Melatonin den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Melatonin entsteht beim Abbau von Serotonin. Es beeinflusst vor allem den Stoffwechsel und das Herzkreislaufsystem. Bei vermehrter Ausschüttung von Melatonin sinken Blutdruck und Puls und die Stoffwechselvorgänge funktionieren langsamer. Nachts setzt der Körper 10- bis 100-mal mehr Melatonin frei als tagsüber, denn Tageslicht hemmt die Sekretion. Sobald Licht auf die Haut und die Netzhaut des Auges trifft, verringert sich die Hormonproduktion. In der dunklen Jahreszeit kann Melatonin nicht ausreichend abgebaut werden beziehungsweise seine Produktion wird zu wenig gehemmt. Das Ergebnis: Der Mensch ist vermehrt müde und möglicherweise auch niedergeschlagen.
Privatdozent Dr. Martin Schäfer ist Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie der Kliniken Essen-Mitte und weiß: "In den Wintermonaten bekommen wir den Sonnenauf- und Untergang kaum mit, da wir schon oder noch auf der Arbeit sind. Die aufgenommene Menge an Tageslicht, schafft es nicht, den Hormonhaushalt auszugleichen. Das Licht normaler Leuchtmittel zuhause oder im Büro, entspricht nicht der Qualität von Tageslicht und besitzt daher keine ausreichende Wirkung auf den Organismus."
Den Teufelskreis durchbrechen
Natürliches Sonnenlicht und Sport können gegen Depressionen helfen. Sport setzt weitere Glückshormone frei, die eine ähnliche Wirkung wie Serotonin besitzen. Die Konzentrationsleistung steigt und die Stimmung bessert sich. Außerdem werden Stress, Ängste und Aggressionen abgebaut. Sicher ist es nicht einfach, innere Blockaden zu überwinden und loszulaufen, doch Bewegung zahlt sich aus. Ein schöner Winterspaziergang löst die Gedanken und belüftet die Lungen. Selbst wenn der Himmel eher dunkel und grau erscheint, nehmen die Lichtverhältnisse positiven Einfluss auf unseren Körper. Denn der Hormonhaushalt wird stimuliert. Die Haut kann mit Hilfe der UV-Strahlen Vitamin D bilden und bestenfalls führt die zusätzliche Bewegung auch zu einer Stärkung der Atemwege und des Herzkreislaufsystems. Wichtig ist eine Regelmäßigkeit: Bereits Anfang Oktober sollte ein Frischluft- und Bewegungsprogramm beginnen. Ein täglicher Morgen- oder Abendspaziergang oder eine wöchentliche Verabredung mit Freunden zum Schwimmen oder Radfahren kann in den Alltag integriert werden.
Bei gesteigertem Appetit sind fett- und zuckerhaltige Lebensmittel die falsche Wahl. Schokolade, Pudding und Kuchen schmecken zwar gut, lähmen aber den Organismus. Gesunde Ernährung ist immer angesagt und hält gerade im Winter fit und aktiv. Sport oder ein ausgedehnter Spaziergang sind nach einem Obstsalat angenehmer als nach zwei Stücken Torte.
Lebensqualität zurückerobern
Ein anerkanntes Pflanzenheilmittel mit antidepressiver Wirkung ist Johanniskraut. Der Extrakt dieser Pflanze unterstützt verschiedene Botenstoffsysteme in unserem Gehirn. Die genaue Wirkungsweise ist zwar bisher nicht abschließend geklärt, aber die Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Depressionen konnte durch Studien belegt werden. Es handelt sich zwar um ein pflanzliches Medikament, sollte aber vom Arzt mit genauer Dosierung verschrieben werden, denn Johanniskraut hat Nebenwirkungen. So fördert es beispielsweise den Abbau anderer Medikamente wie der Anti-Baby-Pille, Blutverdünnern und Herzmedikamenten. Dr. Schäfer steht der unkritischen Anwendung der Heilpflanze skeptisch gegenüber: "Johanniskraut gilt als klassisches Naturheilmittel gegen Verstimmungen. Empfehlen würde ich es nur Menschen mit leichten Depressionen, die keine weiteren Medikamente einnehmen. Außerdem kann die Einnahme von Johanniskraut bei der Durchführung einer Lichttherapie sogar problematisch sein, weil es die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöht."
Mit der Lichttherapie wurden bereits Erfolge bei der Behandlung von Winterdepressionen erzielt. Diese Therapieform wird auch in der Psychiatrie der Kliniken Essen-Mitte durchgeführt. Chefarzt Martin Schäfer erklärt: "Lichttherapie bedeutet eine Behandlung unserer Patienten, indem sie der Lichtstrahlung von speziell konzipierten Lampen zu definierten Zeiten ausgesetzt werden. Am besten morgens für etwa eine Stunde. Dabei kann der Patient lesen oder andere Dinge tun. Er sollte nur einmal pro Minute kurz ins Licht schauen. Das künstliche Licht ist bei dieser Therapieform dem Tageslicht relativ nah angepasst. Die Behandlung sollte regelmäßig in den dunklen Monaten durchgeführt werden, da der Patient beim Absetzen rasch wieder in das alte Stimmungstief abrutschen kann. Eine Besserung der Stimmung ist oft schon eine knappe Woche nach Beginn der Behandlung festzustellen. Daneben werden zur Behandlung Antidepressiva empfohlen, die besonders spezifisch auf das Serotoninsystem einwirken."
Wenn aber Aktivität und Tageslicht oder pflanzliche Mittel nicht ausreichen und sich die Betroffenen in ihrer Lebensaktivität und -qualität deutlich eingeschränkt fühlen, sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Dieser kann dann gemeinsam mit seinem Patienten entscheiden, ob die fachärztliche Behandlung durch einen Psychiater und Psychotherapeuten notwendig ist. "Besondere Vorsicht ist immer geboten, wenn sich Lebensmüdigkeit unter die traurigen Gedanken mischt. Hier muss dringend ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden", rät Dr. Schäfer.
Nicht jede Wintersmüdigkeit bedeutet Depression. Im Winter arbeitet der Körper auf Sparflamme. Während uns im Sommer die überschüssige Energie eine unstillbare Unternehmungslust beschert, fehlt uns diese in den Herbst- und Wintermonaten. Wer vorbeugt und fit bleibt, kann die Lichterzeit an Bastelnachmittagen, bei Nachtwanderungen, Spiele- und Kaminabenden genießen.
Was sind Depressionen?
Das Wort Depression stammt aus dem Lateinischen und wird mit "niederdrücken" übersetzt. Die Hauptmerkmale der Depression sind eine traurige Verstimmtheit, der Verlust von Interesse und Freude an bisher als schön empfundenen Gegebenheiten. Des Weiteren werden eine erhöhte Ermüdbarkeit und Antriebslosigkeit beobachtet. Diese Krankheitsanzeichen liegen bei Depressionen oft über mehrere Wochen vor. Der Verlauf der Erkrankung ist häufig episodenhaft und beginnt bei der Mehrzahl der Betroffenen im zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt. Die saisonal abhängige Depression ist eine Unterform mit regelmäßig in den Wintermonaten auftretenden Beschwerden und Beschwerdefreiheit im Sommer. Die Ursache liegt wahrscheinlich in den veränderten Tag-Nacht-Rhythmen und verminderten Lichteinflüssen im Winter, welche bei den Betroffenen zur gestörten Ausschüttung von Hormonen, wie Melatonin, und Nervenbotenstoffen, wie Serotonin führt. Die Störung ist gut behandelbar, zu den wichtigsten Behandlungsformen gehören die Lichttherapie und die Einnahme von Antidepressiva, welche das Serotoninsystem positiv beeinflussen. Neben der saisonalen Form der Depression sind verschiedene andere Verlaufsformen der Depression bekannt. Als Auslöser einer depressiven Phase im Leben eines Menschen findet man häufig persönliche Lebenskrisen oder schwierige Lebenssituationen. Welche Menschen auf kritische Lebensereignisse mit Depressionen reagieren, lässt sich im Vorhinein nicht sagen. Das Risiko ist allerdings deutlich erhöht bei Menschen, die im Verlauf ihres Lebens bereits eine solche Episode erlebt haben oder bei denen in der Verwandtschaft depressive Erkrankungen bekannt sind. Sind bereits depressive Phasen im Verlauf des Lebens aufgetreten, kann das Wiederauftreten auch präventiv durch spezielle psychotherapeutische Maßnahmen oder auch die längerfristigere Einnahme von Antidepressiva verringert werden. Menschen, die bekanntermaßen an einer saisonal abhängigen Depression leiden, müssen mit dem Beginn der Lichttherapie in den dunklen Wintermonaten auch nicht bis zu Auftreten von Symptomen warten, sondern können auch prophylaktisch im Herbst mit der Therapie beginnen.
