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"Und plötzlich war ich eine Fremde"

14.06.2010

Wenn ein Elternteil an Demenz erkrankt, ändert sich das Leben der gesamten Familie. Anfangs vertuscht die betroffene Person noch die Symptome. Doch sobald alltägliche Dinge nicht mehr funktionieren, wird die Krankheit bewusst. Marita K. kennt die Warnzeichen und Probleme. Ihre Mutter litt sechs Jahre unter einer Alzheimer-Demenz.

 

"Eigentlich begann es schon kurz nach ihrem 65. Geburtstag. Sie wiederholte Erzählungen, verlegte Gegenstände und zog sich mehr und mehr zurück", erzählt Marita K. Auch nach fünfzehn Jahren kann sie sich gut an die Erkrankung ihrer Mutter erinnern. "Ich machte meinen Vater darauf aufmerksam, aber er spielte die Situation herunter und wollte einfach nicht wahrhaben, was mit seiner Frau passiert." Die Geschäftsfrau konnte immer gut mit Menschen umgehen, war selbst im Ruhestand aktiv und selbstbewusst. Doch dann scheute sie soziale Kontakte. "Sie überließ meinem Vater das Wort, tat vieles einfach ab und vertuschte ihre Vergesslichkeit. Schließlich schlief sie viel - einmal einen ganzen Tag lang. Als sie aufwachte, fragte sie meinen Vater nach einem Messer mit den Worten "Mein Auge juckt". Erst da wurde auch ihm bewusst, dass etwas nicht stimmte."

 

Alterserkrankungen geraten immer mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft. Die Menschen werden dank des medizinischen Fortschrittes deutlich älter, aber damit steigt auch das Risiko für chronische Erkrankungen. Bundesweit gibt es fast 1,2 Millionen Demenzerkrankte.

 

Die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnostik 

 

Viele Erkrankte verheimlichen aus Scham und Angst die Symptome. "Sobald der Betroffene selbst oder Angehörige den Eindruck haben, dass die Gedächtnisleistung nachlässt, sollte ein Arzt aufgesucht werden", warnt Dr. Helmut Frohnhofen, Chefarzt im Zentrum für Altersmedizin der Kliniken Essen-Mitte. Er ist spezialisiert auf die Behandlung Demenzerkrankter. "Eine frühzeitige diagnostische Abklärung ist erforderlich, um mit der Behandlung der Grunderkrankung das Demenzsyndrom zu beeinflussen." Schließlich kann eine Demenz bis zu hundert verschiedene Ursachen haben. Wenn die Erkrankung direkt am Gehirn ansetzt, wird von einer primären Demenz gesprochen, die nicht heilbar, aber symptomatisch zu behandeln ist. Dazu gehört insbesondere die Demenz vom Alzheimer-Typ. So genannte sekundäre Demenzen sind oft die Folge von Stoffwechselstörungen, Vitaminmangelzustände oder Vergiftungserscheinungen und damit ursächlich therapierbar. Der deutschen Alzheimergesellschaft zufolge sind bis zu zehn Prozent aller Demenzen sekundär bedingt.

 

Der fortschreitende geistige Abbau

 

Laut Bundesgesundheitsministerium werden 80 Prozent der Demenzerkrankten zuhause gepflegt. Der geistige Zustand ist oft Tageszeit und Tagesform abhängig. Gewohnheiten und Rituale vermitteln Sicherheit, daher sollten bestimmte Abläufe bei der Pflege und in der Tagesstrukturierung immer gleich gestaltet werden. 

 

Ähnliche Erfahrungen machte auch Marita K.: "Die Erkrankung war bei der Diagnosestellung bereits fortgeschritten. Wir waren schockiert und verzweifelt. Ich wusste was "Alzheimer" bedeutet, hatte aber Angst vor weiteren Informationen. Mein Vater nahm meiner Mutter alles ab. Sie fühlte sich zuhause am wohlsten, wirkte in ihrer eigenen Welt zufrieden. Unwissend über ihre Erkrankung befasste sie sich relativ lange mit Handarbeiten oder Kartoffelnschälen. Je weniger sie sprach, desto aktiver wurde sie." 

 

Im zweiten Stadium einer Alzheimererkrankung sind viele betroffene Menschen unruhig: Sie wandern endlos umher oder suchen Tätigkeiten, die zu einem Ergebnis führen. In Senioreneinrichtungen sorgen Aktivitäten in der Küche wie Backen und Kochen für einen Ausgleich. Um den Bewegungsdrang der Bewohner nachzukommen, werden dort Mal- und Tanztherapien durchgeführt und Spaziergänge unternommen.

 

Persönlichkeitsveränderungen erschweren den Umgang

 

Dr. Mirko Bibl ist leitender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin an den Kliniken Essen-Mitte. Der Spezialist erklärt: "Für die Betroffenen und deren Angehörige ist die Diagnose schockierend. Die fortschreitende Störungen der Gedächtnisleistung und der Orientierungsfähigkeit durch die Demenz bedeuten auch den Verlust persönlicher Erinnerungen und damit der eigenen Persönlichkeit." Gerade, wenn die Demenzkranken enge Angehörige nicht mehr erkennen, kommt Verzweifelung auf. Die Familienmitglieder müssen lernen, mit dieser emotional belastenden Situation umzugehen. Dies empfand Marita K., selbst Mutter zweier Kinder, als besonders schmerzhaft: "Zwischen stundenlangem Laufen, Sortieren und Träumen gab es wache Momente, aber diese wurden immer kürzer und plötzlich war ich eine Fremde. Ich stand vor der Tür und sie erkannte mich nicht. Irgendwie dachte ich, das würde schon wieder werden, aber sie baute weiter ab. In einer Phase wurde sie aggressiv und meckerte über alles und jeden." Dr. Mirko Bibl erläutert: "Diese Verhaltensweisen können Ausdruck von Depressionen sein, die häufig begleitende psychische Störungen von Demenzerkrankungen sind. Hier gibt es sowohl medikamentöse, als auch psychotherapeutische Möglichkeiten, um gegenzusteuern."

 

Das Verhalten und die Gefühlslage erkrankter Personen sind zum Teil schwer einzuschätzen; abrupte Stimmungswechsel im Sinne einer emotionalen Labilität sind keine Seltenheit. Außerdem sind die Erkrankten leichter irritierbar: Stimmen aus Fernseher und Radio können sie plötzlich verwirren und ängstigen.

 

"Aggressive Verhaltensweisen bei Demenzkranken sind oft Hinweise auf Unsicherheit und Verängstigung. Angehörige sollten nach Möglichkeit ruhig bleiben und versuchen, die Probleme und Wünsche des Betroffenen zu erkennen. Dies ist besonders schwierig, da Angehörige sich durch unangemessene Verhaltensweisen der Erkrankten verletzt fühlen können, enttäuscht oder unsicher werden", weiß der Demenzspezialist aus der psychiatrischen Abteilung Dr. Mirko Bibl. Er kennt das Problem und rät: "Wenn sich Verwandte und Freunde daraufhin zurückziehen, werden die Erkrankten gemieden, obwohl sie auf Hilfe angewiesen sind. Eine entsprechende Aufklärung im Vorfeld und eine regelmäßige gesprächstherapeutische Begleitung von Erkrankten und Angehörigen im Verlauf können helfen, mit schwierigen Situationen besser umzugehen."

 

Unsicherheit im Bekanntenkreis der Eltern erlebte auch die heute 59-jährige Marita K.: "Zuhause war immer viel los. Meine Eltern hatten viele Freunde und Bekannte, die gern zu Besuch kamen. Das änderte sich mit dem Verlauf von Mutters Krankheit. Ich konnte sehen, wie vor allem mein Vater vereinsamte. Ihm fehlten die sozialen Kontakte sehr."

 

Die psychische Belastung

 

Die häufig auftretenden Persönlichkeitsveränderungen stellen für viele Angehörige ein großes Problem dar. Demenzerkrankte können besonders im ersten und zweiten Stadium der Erkrankung aggressiv, wütend oder traurig reagieren, wenn sie den Abbau ihrer geistigen Leistungsfähigkeit bemerken. Daher ist gerade bei dieser Krankheit eine psychiatrische Behandlung unumgänglich und hilft, mit der Angst vor der Krankheit und den Symptomen umzugehen. Auch wenn viele Angehörige ihr Familienmitglied vor der Diagnose schützen möchten, ist der offene und ehrliche Umgang der beste Weg. "Die Diagnose sollte dem Patienten mitgeteilt werden, jedoch muss im Einzelfall entschieden werden, wie diese vermittelt wird", verdeutlicht der Chefarzt aus dem Zentrum für Altersmedizin Dr. Helmut Frohnhofen seine Einstellung als Mediziner. Besonders in den ersten Phasen muss der Patient lernen, mit den Veränderungen seiner geistigen Leistungsfähigkeit umzugehen und angemessene Perspektiven für seinen weiteren Lebensweg mit der Krankheit zu finden. Hierzu existieren inzwischen auch spezielle psychotherapeutische Konzepte, wie das so genannte Verhaltens-Kompetenz-Training.

 

Akzeptieren und Handeln

 

Betroffene sollten trotz der tragischen Diagnose nicht aufgeben und sich der Zukunft stellen. Der offene Umgang mit der Erkrankung ermöglicht in schwierigen Situationen, Hilfe anzunehmen. Karteikarten oder Bilder eignen sich als Gedächtnisstütze, informierte Nachbarn, Freunde oder Familienmitglieder können beim Einkaufen und Kochen helfen oder in Freizeitaktivitäten eingebunden werden. Feste Orte für wichtige Gegenstände, wie Haustürschlüssel oder Portemonnaie verhindern unnötiges Suchen. Dr. Helmut Frohnhofen rät: "Wichtig ist eine individuelle Betreuung, weil jede Demenzerkrankung anders verläuft. Außerdem müssen die Angehörigen miteinbezogen werden, denn die Erkrankung betrifft alle. Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sind Regelungen, die rechtzeitig zu treffen sind." In Gesprächen mit der Familie können Wüsche geäußert und Pläne über zukünftige Hilfen im Alltag oder bei der Pflege gemacht werden. "Bedeutsam sind frühzeitige und umfassende Informationen. Hilfe bieten die Pflegestützpunkte oder Beratungsstellen von Sozialdiensten und der Stadt. Aber auch die Alzheimergesellschaft ist ein geeigneter Ansprechpartner", empfiehlt der Essener Facharzt.

 

Das Risiko einer Demenzerkrankungen verringern

 

Das Risiko eine Demenz zu entwickeln, kann durch eine körperlich und geistig aktive Lebensweise sowie eine gesunde Ernährung verringert werden: Ein trainiertes Gehirn ist weniger anfällig für den Gedächtnisverfall. Anreize wie Lesen, Zeichnen, Musizieren oder Kreuzworträtsel regen zum Denken an und fördern die Leistungsfähigkeit. Gerade im Ruhestand haben ältere Menschen Zeit, um beispielsweise ein neues Instrument zu erlernen. Eine weitere entscheidende Rolle zur Erhaltung der Gesundheit spielt die Ernährung. Sie sollte fett- und cholesterinarm sein, aber reich an Vitaminen und Spurenelementen. Viel Flüssigkeit und Sport halten nicht nur den Körper fit - das Gehirn wird besser durchblutet und aktiviert.

 

Marita K. denkt häufig an die schwierige Zeit zurück. Trotz starker Emotionen und ständiger Sorge gab die Familie der Mutter viel Halt und Sicherheit: "Ich fühlte mich ein bisschen wie die Mutter meiner Mutter. Sie löste bei mir einen Beschützerinstinkt aus. Zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und sprechen, selbst das Schlucken viel ihr schwer. Eines Morgens erlitt sie einen Herzinfarkt und starb zuhause. Auch ich habe Angst an Alzheimer zu erkranken. Bei dem Satz ?Das habe ich dir doch schon mal gesagt? denke ich direkt an meine Mutter."

Infos zum Thema Demenz

 

Es gibt unterschiedliche Formen und Ursachen einer Demenz: Grundsätzlich wird zwischen primären und sekundären Demenzen unterschieden.

 

Primäre Demenzen sind Abbauprozesse des Hirngewebes, deren Ursache bisher nicht genau geklärt ist. Die Alzheimer-Krankheit, benannt nach dem deutschen Arzt Alois Alzheimer, ist mit knapp sechzig Prozent die häufigste Ursache. Dabei bilden sich Eiweiß-Ablagerungen in und um die Nervenzellen - sie können nicht mehr richtig arbeiten und sterben langsam ab. Über eine lange Zeit von etwa 20 Jahren entwickelt sich die Krankheit schleichend und ohne merkbare Anzeichen, bis sich schließlich die ersten Symptome  - meist in Form von Vergesslichkeit - zeigen. Insgesamt werden drei Stadien unterschieden: Im ersten Stadium werden Gedächtnisstörungen bemerkt, Gegenstände verlegt, Verabredungen vergessen und Entscheidungen schwer getroffen. Die Erkrankten bemerken ihre verminderte geistige Leistungsfähigkeit und ziehen sich zurück. Oft treten Depressionen auf. Veränderungen des Verhaltens kennzeichnen das zweite Stadium. Stimmungsschwankungen treten auf, Uhrzeiten und Daten verlieren ihren Sinn und der Alltag ist alleine nicht mehr zu bewältigen. Erinnerungen an die Vergangenheit vermischen sich mit der Realität und nächste Angehörige werden nicht mehr erkannt. Im dritten Stadium verlieren die Erkrankte die Kontrolle über ihren Körper. Die Folgen sind unter anderen Bettlägerigkeit, Inkontinenz, Verlust der Sprache und Schluckstörungen. Die Phasen gehen grenzenlos ineinander über und können individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Die Behandlung ist symptomatisch orientiert, das heißt die Beschwerden und deren soziale Folgen können medikamentös und psychotherapeutisch gelindert, das Voranschreiten der Gedächtnisstörungen deutlich verlangsamt werden.
Sekundäre Demenzen sind unter anderem die Folge von Vitaminmangelzuständen, Vergiftungserscheinungen oder Stoffwechselerkrankungen. Durch Behandlung der Grunderkrankung kann die Gedächtnisleistung gebessert und sogar wieder normalisiert werden.

Kontakt für weitere Informationen

Klinik für Geriatrie und Zentrum für Altersmedizin
Sekretariat Frau Berge und Frau Treffehn

 

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