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Wenn die Blase nicht gehorcht

14.06.2010

Von der Gesellschaft tabuisiert und von Betroffenen vertuscht: Blasenschwäche ist ein ernstzunehmendes Problem. Sechs bis acht Millionen Männer und Frauen leiden in Deutschland unter einer Harninkontinenz. Trotz stark eingeschränkter Lebensqualität und dem Verlust ihres Selbstbewusstseins scheuen Betroffene den Weg aus der Krise.

 

Dass die Hose mal nass wird, kann bei kleinen Kindern schon mal passieren - ist aber im Erwachsenenalter undenkbar. Blasenschwäche ist ein gesellschaftliches Tabuthema und nicht nur im fortschreitenden Alter ein akutes Problem. Betroffene reagieren häufig mit Scham und Ekel vor dem eigenen Körper, statt einen Arzt aufzusuchen. Doch die Abklärung der Ursache und eine geeignete Therapie können Linderung verschaffen.

 

Dr. Andrea Verweyen, urologische Fachärztin in der Abteilung für Urologie der Kliniken Essen-Mitte und ihre Kollegin die Gynäkologin Dr. Andrea Schmidt wissen aus Erfahrung: "Die Patienten und Patientinnen, die wegen ihrer Inkontinenz einen Arzt aufsuchen, leiden in aller Regel deutlich unter ihrer Situation. Aber viele Patientinnen berichten auch, mit Freundinnen über dieses Thema zu sprechen und dadurch den Weg zum Arzt zu finden."

 

Ob Harnträufeln, häufiger Harndrang oder uneingeschränkter Verlust des Urins - die Formen der Inkontinenz können je nach Ursache unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Bei jungen Frauen kann die Blasenschwäche in der Schwangerschaft und in der Geburt eines Kindes begründet sein: Die Beckenbodenmuskulatur wird stark beansprucht und geschwächt. Der Verschluss der Harnröhre ist nicht mehr gewährleistet. Es handelt sich um eine so genannte Belastungsinkontinenz. "Bei vielen Frauen tritt eine solche Inkontinenz erst nach den Wechseljahren auf, da durch die Hormonumstellung eine Veränderung des Bindegewebes und des Halteapparates von Blase, Harnröhre und Scheide verursacht. Junge Frauen haben bereits während und auch kurz nach einer Schwangerschaft mit dieser Form der Blasenschwäche zu kämpfen", weiß Dr. Andrea Schmidt, Gynäkologin der Kliniken Essen-Mitte. Die Urologin Dr. Andrea Verweyen ergänzt: "Bei Männern ist die Belastungsinkontinenz vor allem durch die stetige Zunahme an Operationen bei Prostatatumoren ein Thema geworden." Bei Männern steigt mit dem Alter auch das Risiko eines Prostatatumors. Allerdings leiden ältere Männer auch unter einer gutartigen Prostatavergrößerung, die den Abfluss des Urins behindern kann. Dann wird die Harnröhre verengt und der Urin staut sich in der Blase.

 

Therapie statt Strategie

 

Der Geruch ist kaum zu verbergen und das Unwohlsein steigt. Die ständige Angst vor peinlichen Situationen führt zu Unsicherheit und das Selbstbewusstsein leidet. Betroffene fühlen sich in einem fremden Umfeld nicht mehr wohl. Längere Aufenthalte in der Öffentlichkeit oder aufwendige Unternehmungen werden gemieden - unbewusst findet ein sozialer Rückzug statt.

 

Die Blasenschwäche bestimmt über den Tagesablauf der Betroffenen. "Die Trinkmenge zu reduzieren, ist eine beliebte Strategie inkontinenter Patienten, um gut über den Tag zu kommen. Viele Frauen gehen nur in Geschäften einkaufen, in denen Toiletten zugänglich sind. Diese Situation sorgt natürlich insgesamt für eine gewisse Isolation und Einschränkung der Lebensqualität. Aus Angst, dass die Inkontinenz auffällt, nehmen die Patienten an ihrem sozialen Leben deutlich eingeschränkt teil", berichtet die Fachärztin Dr. Andrea Verweyen. Außerdem handelt es sich bei den Vermeidungsstrategien, wie häufige Toilettengänge oder Verminderung der Tagestrinkmenge, eher um Gesundheitsrisiken als Regulationsmaßnahmen. Denn durch eine verminderte Flüssigkeitszufuhr wird der Urin stark konzentriert und reizt die Muskulatur der Blase zusätzlich. Die Keime aus den harnableitenden Organen können nicht hinreichend ausgespült werden. Die Folgen sind Harnwegsinfekte und eine Unterversorgung der Nieren. Die vermehrte Urinausscheidung ohne Harndrang fördert eine untrainierte Blase - ihr Fassungsvermögen verringert sich.

 

Therapie und vorbeugende Maßnahmen

 

Die Grundlage einer gesunden Ausscheidung ist ein gesundes Interesse an seinem eigenen Körper. Sind Physiologie und Anatomie bekannt, werden Problem und Therapie verstanden. Gerade Frauen sollten durch bestimmte Übungen ihre Beckenbodenmuskulatur trainieren, und das nicht nur nach einer Schwangerschaft. Denn eine gestärkte Muskulatur senkt das Risiko einer Inkontinenz im Alter.

 

Der erste Therapieansatz einer Inkontinenz erfolgt immer konservativ, das heißt mittels Muskelstärkung oder Medikamente. Die Gynäkologin Dr. Andrea Schmidt erläutert: "In vielen Fällen kann durch eine konservative Therapie ein operativer Eingriff umgangen werden. Eine zentrale Rolle spielt neben der Gabe von lokalen Östrogenen ein intensives Beckenbodentraining. Unter Anleitung von qualifizierten und auf Inkontinenz spezialisierten Physiotherapeuten und -therapeutinnen kann hier vor allem bei leichten Formen der Inkontinenz viel erreicht werden.  Durch das Biofeedback mittels Elektrotherapie kann ein Bewusstsein für die Beckenbodenmuskulatur aufgebaut werden und dadurch ein besseres Training bei der Belastungsinkontinenz erfolgen." Die Elektrostimulation und das Biofeedback sind Hilfsmittel zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. Eine Sonde misst die Muskelanspannungen während des Trainings oder sie gibt kurze elektrische Impulse ab, die die Muskeln spürbar aktivieren.

 

Die Ärztinnen klären weiter auf: "Bei der Dranginkontinenz kann auch ein gezieltes Beckenbodentraining, die Elektrotherapie und vor allem eine medikamentöse Behandlung eingesetzt werden. In den letzten zehn Jahren sind neue Medikamente mit geringen Nebenwirkungen entwickelt worden, mit denen in vielen Fällen eine deutliche Verbesserung der Dranginkontinenz bis hin zur kompletten Kontinenz erreicht wurde."

 

Gefahren einer unbehandelten Blasenschwäche

 

Menschen mit einer unbehandelten Blasenschwäche fühlen sich dauerhaft unwohl und ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. Auch die beiden Expertinnen der Kliniken Essen-Mitte kennen die langfristigen Probleme: "Die Folgen einer unbehandelten Inkontinenz sind sehr unterschiedlich. Neben einer lokalen Reizung des ständig benässten Hautareals sind vor allem psychische Belastungen nicht zu unterschätzen. Betroffene verzichten immer mehr auf Aufenthalte und Tätigkeiten außerhalb der eigenen Wohnung. Je nach Ausprägung der Inkontinenz kann auch die Sexualität deutlich beeinträchtig werden. Insgesamt ist hier jedoch festzuhalten, dass der subjektive Leidensdruck sehr unterschiedlich ist. Es gibt durchaus Patientinnen, die ihre Situation akzeptieren und sich keineswegs in ihrem Alltag beeinträchtigt fühlen. Allerdings sind diese sicherlich die Ausnahme." Ein dauerhaft feuchtes Milieu im Genitalbereich führt zu bakteriellen Entzündungen und Pilzinfektionen. Häufige Harnwegsinfekte sind nicht nur schmerzhaft und gefährlich, sie fördern auch eine Inkontinenz. Eine Therapie wird erschwert und Mischformen können auftreten.

Infos zum Thema Inkontinenz

 

Eine Inkontinenz ist eine Symptomerkrankung. Sie wird je nach Ursache in vier Formen unterschieden:


Die  Belastungsinkontinenz  betrifft beide Geschlechter, häufiger aber Frauen. Auslöser ist eine schwache Beckenbodenmuskulatur. Großer Risikofaktoren sind Schwangerschaften und Geburten, aber auch starkes Übergewicht und häufiges, falsches Heben von schweren Gewichten. Bei Männern betrifft diese Inkontinenzform vor allem Patienten, die sich einer Prostataoperation unterzogen haben. Die Belastungsinkontinenz wird in drei Schweregrade unterteilt: Anfangs werden unkontrolliert kleine Mengen Urin beim Lachen, Niesen oder Husten entleert, dann bereits beim Heben schwerer Gegenstände und schließlich schon im Stehen.

 

Die Überlaufinkontinenz betrifft hauptsächlich Männer im höheren Lebensalter. Diese Form der Inkontinenz ist das Symptom einer Blasenentleerungsstörung, bei der sich die Blase nicht mehr entleert und nur "überläuft" wie eine volle Badewanne. Diese Patienten verlieren den Urin alle paar Minuten immer in kleinen Mengen. Die häufigste Ursache dafür ist eine vergrößerte Prostata. Aber auch bei anderen Abflussbehinderungen der Blase kann eine Überlaufinkontinenz resultieren, beispielsweise bei Frauen mit einer ausgeprägten Senkung der Blase.

 

Die Dranginkontinenz betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Die Reizleitung ist gestört und der Urin wird zu schnell und schon bei kleinen Mengen abgegeben. Bei Frauen kann eine Senkung der Blase, Östrogenmangel oder eine Erkrankung wie Diabetes mellitus eine Dranginkontinenz verursachen, aber auch der Alterungsprozess der Blasenmuskulatur bei beiden Geschlechtern.

 

Bei der Reflexinkontinenz verspüren Betroffene keinen Harndrang und können den Urin nicht kontrolliert entleeren. Meist sind die Nervenbahnen durch Querschnittslähmungen, Tumore oder durch Nervenerkrankungen wie Multipler Sklerose unterbrochen.

 

Es können auch Mischformen auftreten, wenn verschiedene Ursachen eine Inkontinenz auslösen. In jedem Fall muss eine genaue ärztliche Abklärung erfolgen.

 

Kontakt für weitere Informationen

Klinik für Urologie, Kinderurologie und
Urologische Onkologie
 

Sekretariat Frau Adler

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